Innervation der Augenmuskeln
Die Innervation der Augenmuskeln (▶Abb. 1.3, ▶Abb. 1.4, ▶Abb. 1.5, ▶Abb. 1.6) erfolgt bei allen geraden Augenmuskeln und beim M. levator palpebrae intrakapsulär am Übergang vom hinteren zum mittleren Drittel in einem Bereich, der bei Augenmuskeloperationen üblicherweise nicht freigelegt wird. Der N. trochlearis innerviert demgegenüber den M. obliquus superior im hinteren und mittleren Muskeldrittel auf der orbitaseitigen Oberfläche und ist deshalb durch retrobulbäre Injektion schwer erreichbar. Besonderheiten bietet auch der M. obliquus inferior: Der lange untere Ast des N. oculomotorius begleitet den lateralen Rand des M. rectus inferior nach vorn und dringt meist in die bulbuszugewandte Seite des Muskels ein [54], [55]. Die Nervenendigungen reichen bis auf 10 mm an die Insertion heran, so dass sie bei Resektion oder Faltung gefährdet sind. In einigen Fällen zieht der Nerv durch den M. rectus inferior und kann bei retro-äquatorialer Myopexie am M. rectus inferior lädiert werden.
Abb. 1.17 Insertionen des M. rectus superior und des M. obliquus superior mit den beiden oberen Vortexvenen.
Tab. 1.1 Maße der schrägen Augenmuskeln (Datenquelle: [62], [63], [64], [65], [66], [67]).
| Muskel | Muskellänge | Sehnenlänge |
| M. obliquus superior | 30 mm | 30 mm, davon• 10 mm zwischen Muskel und Trochlea• 2 mm innerhalb der Trochlea• 18 mm zwischen Trochlea und Inser-tion |
| M. obliquus inferior | 35–38 mm | 0–2 mm |
Tab. 1.2 Sehnenmaß, Bogenmaß: Zwischen Sehnenmaß und Bogenmaß ergeben sich bei einem Augendurchmesser von 24,0 mm die folgenden Abweichungen. In dem vorliegenden Buch sind alle Längen im Bogenmaß angegeben.
| Bogenmaß | 5 mm | 10 mm | 15 mm | 20 mm |
| Sehnenmaß | 4,96 | 9,71 | 14,04 | 17,76 |
| Sehnenmaß | 5 mm | 10 mm | 15 mm | 20 mm |
| Bogenmaß | 5,04 | 10,31 | 16,20 | 23,64 |
Blutversorgung der Augenmuskeln
Die Blutversorgung der Augenmuskeln erfolgt aus Ästen der A. ophthalmica (▶Abb. 1.18a, b), entweder unmittelbar über Muskeläste dieser Arterie oder wie beim M. rectus lateralis mittelbar über die A. lacrimalis. M. rectus inferior und M. obliquus inferior werden zusätzlich über Äste der A. infraorbitalis versorgt, die durch die Fissura orbitalis inferior in die Orbita gelangt. Diese Arterien erreichen die Augenmuskeln im mittleren Drittel. Die vorderen Ziliararterien (Aa. ciliares anteriores) sind Unteräste dieser Muskelarterien, ziehen auf der Außenfläche der geraden Augenmuskeln nach vorne und dringen an der Insertion in die Sklera ein. In der Regel sind an den Mm. rectus superior, medialis und inferior je zwei dieser Arterien vorhanden und am M. rectus lateralis eine, wobei Anzahl und Anordnung oft variieren. Die schrägen Augenmuskeln sind bis zur Sehne vaskularisiert, ohne dass Gefäße den Bulbus erreichen.
Anomalien der Augenmuskeln
An den geraden Augenmuskeln treten Anomalien nur selten auf (Aplasie, aberrierende retroäquatoriale Insertion, gemeinsame Insertion mit anderen Augenmuskeln oder doppelter Muskelbauch). Noch seltener ist ein zusätzlicher Muskel, der dem M. retractor bulbi anderer Säugetiere entspricht und von der Orbitaspitze intrakonisch zum hinteren Bulbuspol zieht und vom N. abducens innerviert wird.
Der M. obliquus superior zeigt unter allen Augenmuskeln die häufigsten Anomalien (Muskel- oder Sehnenaplasien, verdünnte Sehne, die nicht am Bulbus, sondern in der Tenon-Kapsel oder am medialen Rand des M. rectus superior inseriert). Anomalien gelten als eine Ursache des Strabismus sursoadductorius (siehe Kap. 2.3). Beschrieben werden alle Übergänge zwischen normaler Insertion und völliger Aplasie [41].
Abb. 1.18 Gefäßversorgung der Orbita. Die A. ophthalmica (Ast der A. carotis interna) tritt mit dem N. opticus durch den Canalis opticus in die Orbita ein, gibt die A. centralis retinae und die Aa. ciliares für die Versorgung des Auges ab und versorgt mit der A. lacrimalis die Tränendrüse und mit Nebenästen den gesamten Orbitainhalt. Zum Gefäßgebiet der A. carotis externa bestehen kleinere Anastomosen, die bei Verschlüssen der A. carotis interna oder der A. ophthalmica die Blutversorgung des Orbitainhalts aufrechterhalten können. Der venöse Abfluss aus der Orbita ist variantenreicher und erfolgt meist über die V. ophthalmica, die über die Fissura orbitalis superior in den Sinus cavernosus mündet. Die Verbindungen zu den Venen des Gesichts können Keimverschleppung verursachen. (Der M. rectus lateralis ist durchtrennt, so dass die Insertion des M. obliquus inferior freiliegt.) (Quelle: Schünke M, Schulte E, Schumacher U. Prometheus. LernAtlas der Anatomie. Kopf, Hals und Neuroanatomie. Illustrationen von M. Voll und K. Wesker. 5. Aufl. Stuttgart: Thieme; 2018)
a Äste der A. ophthalmica b Venen der Orbita
Beim M. obliquus inferior werden Anomalien (Aplasie, Bifurkation) selten beschrieben. Variationen des Ursprungsorts haben geringe funktionelle Bedeutung. Häufige Variationen der Insertion können aber funktionell bedeutsam werden.
Neben den Anomalien der genannten Muskeln werden vereinzelt auch akzessorische Augenmuskeln bzw. Bänder mit augenmuskelähnlichem Gewebe beobachtet, die in seltenen Fällen zu einem atypischen Strabismus führen können [57], [93]. In einer neueren kernspintomografischen Arbeit wurden überzählige Augenmuskelstrukturen in 0,8 % der Fälle bei Nichtschielenden und in 2,4 % der Fälle bei Schielenden gefunden [46].

