Bei all diesen Messungen im Bereich von Bogenminuten muss bedacht werden, dass die Mikrosakkaden und die langsamen Mikrobewegungen während der Fixation (Kap. 1.2) binokular keineswegs exakt konjungiert sind und bei ruhiger Fixation zu ständig variierenden vertikalen und horizontalen Vergenzfehlern von mehreren Bogenminuten führen [65], [172]. Bei frei bewegtem Kopf und normalen Augenbewegungen treten wahrscheinlich Vergenzfehler von bis zu 2,5° in absoluter Exo- oder Esodisparität auf, ohne dass die Erkennbarkeit von Random- Dot-Stereogrammen verlorengeht [34]. Diese objektiv erhobenen Befunde zeigen die Notwendigkeit der Existenz der Panum-Areale beim normalen Sehen. Außerdem müssen bei der Beurteilung der Größe von Panum-Arealen die spontanen Vergenzfehler zu den subjektiven Messungen der Panum-Areale addiert werden, solange die Bilder nicht auf der Netzhaut stabilisiert wurden. Die spontanen Vergenzschwankungen führen im Übrigen nicht zu entsprechenden Schwankungen der egozentrischen Abstandslokalisation, da eine Referenzkontur mit konstanter Disparität fehlt [47].
Abb. 1.71 Fusionsbildpaar mit längsdisparaten Querlinien zur Demonstration der Sehrichtungsangleichung. Die Referenzebene ist durch die fusionierten Rechtecke mit zentraler vertikaler Linie bestimmt. Die vertikal-exzentrischen Querlinien mit zentralem Punkt bilden sich dann längsdisparat ab. Sie werden bei ausreichendem Fixationsabstand (ca. 50 cm) sensorisch fusioniert und scheinen dann im Zentrum des Rechtecks zu liegen.
Ein weiteres Phänomen der sensorischen Fusion mit disparaten Netzhautstellen ist die relative Lokalisation des disparat abgebildeten Sehdings. Schon bei dem orientierenden Experiment mit 2 Nadeln (siehe Nadelexperiment (S.78)) konnte man sich überzeugen, dass die fusionierte, hinter der fixierten Nadel gehaltene obere Nadel monokular breitendistant zur unteren Nadelspitze gesehen wird, binokular aber kein seitlicher Abstand mehr besteht.
Merke
Disparate Netzhautstellen ändern ihre ursprüngliche (monokulare) Sehrichtung im Moment der Fusion, und zwar erscheint das fusionierte Bild zwischen den beiden monokularen Sehrichtungen [71], [169], [179].
Diese Sehrichtungsangleichung hat Tschermak-Seysenegg [181] Allelotropie (Aufeinanderbezogenheit oder Zusammengehörigkeit) genannt und beschrieben, dass auch stereoskopisch lokalisierbare physiologische Doppelbilder eine gleichsinnige, wenn auch nur unvollständige Angleichung der Sehrichtungen beobachten lassen. Diese Richtungsangleichung während der sensorischen Fusion gilt auch für höhendisparate Netzhautstellen (☐Abb. 1.71).
Abb. 1.72 Geometrie der Stereopsis in der Medianebene bei symmetrischer Konvergenz. F$ _{1} $: Fixierpunkt
F2: disparat abgebildeter Objektpunkt
KR and KL: Knotenpunkte
b: Knotenpunktabstand KRKL (entspricht bei größeren Fixationsabständen der lnterpupillardistanz)
e: Abstand zwischen Fixierpunkt und Mitte des Knotenpunktabstands
δ: relative binokulare (stereoskopische) Parallaxe im Gradmaß
d: geometrisches Tiefenintervall F1 F2
p: Strecke der stereoskopischen Parallaxe in der Fixationsebene
Zur Berechnung der häufig zu ermittelnden Größen d und p ergeben sich folgende Formeln:
a) Für die distale Stereopsis:
aa) 1/2 δ=α-β, wobei man α aus tg α=(e+d):1/2 bund β aus tg β=e:1/2 b errechnenkann.In einer zusammengefassten Formel ergibt sich auch: tg 1/2 δ=(2b× d):(b2+4e2+4d× e) bb) d=1/2~b×tg(β+1/2δ)-e, wobei tg (β+1/2δ)=(e+d):1/2b nach d aufgelöst wurde und β sich aus der Formel unter aa) errechnen lässt. Auf diese Weise kann man berechnen, wie weit ein Objekt mindestens hinter dem Fixierpunkt liegen muss, um bei bekannter Tiefensehschärfe und Pupillendistanz lokalisiert werden zu können cc) p = (b × d) : (e + d) nach dem Strahlensatz. Wenn statt d nur δ bekannt ist (z. B. zur Herstellung von Stereohalbbildern), kann d nach der Formel unter bb) eingesetzt werden.
b) Für die proximale Stereopsis gilt entsprechend:
aa) 1/2 δ=α-β oder tg 1/2 δ=(2 b ×d):( b2+4 e2-4 d ×e) bb) d = e - 1/2 b × tg ( α - 1/2 δ) cc) p = (b × d) : (e – d)
Die Verminderung der Sehschärfe eines Auges, z. B. durch Vorhalten eines falschen Brillenglases oder eines Graufilters, verschiebt die binokulare Sehrichtung aus der Mittelstellung in die Richtung der monokularen Sehrichtung des nicht beeinträchtigten Partnerauges. Bei Querdisparation geht dabei der Tiefeneindruck nicht vollständig verloren. Gleiches gilt natürlich auch für einseitige pathologische Veränderungen der optischen Medien oder der sensorischen Afferenz sowie für die Dominanz eines Auges bei normalem oder pathologischem (Mikrostrabismus) Binokularsehen. Mit dem Titmus-Test (speziell Ring 1) kann man sich die geschilderte Verschiebung der relativen Sehrichtung selbst vor Augen führen und sie als klinischen Test einsetzen.



