Косоглазие

Versionen und Vergenzen finden selten isoliert statt. So kann Konvergenz auch dann entstehen, wenn ein Auge abduziert, das andere aber stärker adduziert, z. B. wenn der Blick aus der Primärstellung heraus auf ein Objekt im seitlichen Nahbereich gerichtet wird (▶Abb. 1.26).

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Die Primärstellung wird eingenommen, wenn bei gerader Kopf- und Körperhaltung der Blick geradeaus gerichtet ist.1

Aus der Primärstellung heraus kann das Auge eine reine Horizontalduktion durchführen oder eine reine Vertikal-duktion. Diese Augenbewegungen nennt man Kardinalbewegungen. Nach einer Kardinalbewegung nimmt das Auge eine Sekundärstellung ein. Bei Betrachtung von vorn (▶Abb. 1.24) werden der senkrechte und der waagrechte Hornhautmeridian unverändert senkrecht bzw. waagrecht erscheinen, d. h. senkrechte und waagrechte Objekte im Sehraum werden auf den Meridianen der Retina abgebildet, die auch in Primärstellung einen vertikalen oder horizontalen Seheindruck vermitteln.

1 Diese klinisch ausreichende Definition der Primärstellung genügt strengen kinematischen Kriterien nicht. Von Graefe [36] definiert die Primärstellung als die einzige Augenstellung, aus der heraus horizontale und vertikale Duktionen ohne Tertiärneigung möglich sind. Ähnliche Definitionen stammen von Hofmann [44] und von Tschermak-Seysenegg [91].

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Abb. 1.24 Primärstellung und Sekundärstellungen. Die Dreiecke geben die Lage des vertikalen Hornhautmeridians an.

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In den Sekundärstellungen stimmt die objektive Senkrechte mit dem vertikalen Netzhautmeridian überein.

Eine Tertiärstellung wird erreicht, wenn nach einer Horizontalduktion eine zusätzliche Vertikalduktion erfolgt oder nach einer Vertikalduktion eine zusätzliche Horizontalduktion (▶Abb. 1.25). Tertiärstellungen sind alle Augenstellungen, die aus der Primärstellung heraus nicht durch eine reine Vertikal- oder Horizontalduktion, sondern durch eine Horizontal- und eine Vertikalduktion erreicht werden. Tertiärstellungen entstehen auch, wenn aus der Primärstellung eine Duktion weder um die X- Achse noch um die Z-Achse erfolgt, sondern um eine schräge Achse. In einer Tertiärstellung besteht immer auch eine Tertiärneigung (Tschermak-Seysenegg [91]). Der in Primärstellung senkrechte Hornhautmeridian projiziert sich nicht mehr senkrecht in den Außenraum oder – anders ausgedrückt – bei Betrachtung von außen (▶Abb. 1.25) erscheint der ursprünglich senkrechte Hornhautmeridian nicht mehr senkrecht.

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Abb. 1.25 Rollung und Tertiärstellung. Die Dreiecke geben die Lage des horizontalen (grün) und vertikalen (rot) Hornhautmeridians an. Die Zeichenebene stellt die Ebene von Listing dar. Die endgültige Tertiärstellung und die resultierende Tertiärneigung sind identisch, gleichgültig ob nach einer Vertikalduktion eine Horizontalduktion (blaue Pfeile), nach einer Horizontalduktion eine Vertikalduktion (grüne Pfeile) oder primär eine Duktion um eine schräge Achse innerhalb der Ebene von Listing (gelber Pfeil) erfolgt.

Jede denkbare Blickrichtung des Auges ist vorstellbar als Resultat einer Bewegung um eine Achse aus der Primärstellung heraus. Für die endgültige Stellung des Auges ist nicht entscheidend, ob sie durch aufeinanderfolgende Horizontal- und Vertikalbewegung entstanden ist oder durch eine Bewegung um eine schräge Achse. Die Diskrepanz zwischen der Senkrechten im Außenraum und dem ursprünglich senkrechten Netzhautmeridian ist immer dieselbe. Ebenso wird bei Rückkehr zur Primärstellung das Auge dieselbe Stellung aufweisen wie vor Beginn seiner ursprünglichen Bewegung.

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Zu jeder Blickrichtung gehört eine bestimmte Stellung des Augapfels mit einer bestimmten Ausrichtung der Netzhautmeridiane im Raum, gleichgültig, wie das Auge diese Blickrichtung erreicht hat (Gesetz von Donders).

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Abb. 1.26 Aus Version und gleichzeitiger Vergenz zusammengesetzte Augenbewegung. Vor Beginn der Blickbewegung sind die Blicklinien beider Augen auf das Objekt A gerichtet. Um das Objekt B anzublicken, wird das rechte Auge um den Winkel $ \alpha $ abduziert und das linke um den Winkel ß adduziert. Diese Blickbewegung kann zerlegt werden in eine Dextroversion (A → A‘) und eine Konvergenz (A‘ → B).

Eine Konsequenz des Gesetzes von Donders ist das nach dem Mathematiker Listing benannte sog. Gesetz von Listing. Dieses Gesetz besagt, dass aus jeder Augenposition jede andere Augenposition durch Drehung um eine Achse erreicht werden kann. Die Gesamtheit dieser Drehachsen liegt in einer Ebene, der Ebene von Listing (☐Abb. 1.23).

Die Augenposition, deren Blickrichtung senkrecht zu dieser Ebene steht, wird Primärstellung (oder Primärposition) des Auges genannt.