Abb. 1.66 Darstellung des Hering-Beweises (1879) für die Identität der Sehrichtungen. Beide Augen fixieren in symmetrischer Konvergenz einen Punkt (P) auf einer Fensterscheibe. In Verlängerung der Gesichtslinie des rechten Auges (F‘P) befindet sich ein scheibenförmiges Objekt weit hinter der Fixationsebene und links vom Fixierpunkt. Auf die linke Foveola (F) projiziert sich ein hinter der Fixationsebene gelegenes Kreuz. Zwischen beiden Augen ist Herings „imaginäres Einauge“ dargestellt, gewonnen durch Übereinanderlegen beider Netzhäute. Die empfundene relative Lokalisation der 3 in den Gesichtslinien liegenden Objekte ist in dem Rechteck wiedergegeben: Scheibe, Kreuz und Fixierpunkt werden in einer Richtung quasi aufeinanderliegend geradeaus vorn lokalisiert. Scheibe und Kreuz bilden sich zusätzlich auf nasal exzentrischen Netzhautstellen ab und werden als Doppelbilder, den Lokalzeichen von A und B entsprechend, neben der Hauptsehrichtung empfunden. Das mittlere, gemeinsame foveolare Bild liegt in der binokularen Hauptsehrichtung und gleichzeitig – wegen der Symmetrie der Konvergenz – in der egozentrischen Richtung „gerade vorn“. Der zusammengelegte Knotenpunkt des Zyklopenauges stellt das Projektionszentrum für die relative und die egozentrische Lokalisation dar.
Egozentrische Lokalisation
Wir nehmen die Sehdinge nicht nur in ihrer Anordnung nach Breiten- und Höhenabständen zueinander wahr, sondern auch in Beziehung zum vorgestellten Ort des eigenen Ichs. Diese Beziehungsqualität wird als egozentrische Lokalisation bezeichnet.
Hierzu gehören subjektive Lokalisationskriterien wie
gerade vorn/rechts/links – bezogen auf die subjektive Medianebene,
in Augenhöhe/scheitelwärts („oben“)/kinnwärts („un-ten“) – bezogen auf die subjektive Horizontalebene,
fern/nah (egozentrische Abstandslokalisation nach Hofmann [81]).
Die ersten beiden genannten Kriterien gehören zur egozentrischen Richtungslokalisation, für die das Zyklopenauge den Ausgangsort darstellt. Sie darf nicht mit der relativen Richtungslokalisation verwechselt werden, da beide Systeme isoliert gestört sein können. Ein Schielender mit anomaler Netzhautkorrespondenz hat eine gestörte relative Lokalisation, denn die Lokalzeichen der Netzhaut des abgewichenen Auges besitzen unter binokularen Bedingungen einen veränderten Richtungswert. Die egozentrische Lokalisation ist davon in der Regel nicht betroffen. Andererseits bleibt die relative Richtungslokalisation bei einem Patienten mit akuter Augenmuskelparese erhalten, die egozentrische Lokalisation ist jedoch durch das Ungleichgewicht von lnnervation und effektiver retinaler Bildverschiebung gestört (verschobene „Reafferenz“ nach von Holst und Mittelstaedt, 1950, [83]).
Geometrisch-mathematischer Horopter
Mit der Frage, wo die Objektpunkte im Gesichtsraum liegen müssen, um bei einer bestimmten Konvergenzstellung der Augen einfach gesehen zu werden, hat sich schon Claudius Ptolemeus (um 150 n. Chr.) [151] in Alexandria beschäftigt. Er nahm an, dass der gesuchte Ort in einer frontoparallelen Linie durch den Fixierpunkt verläuft. Der Jesuitenpater Franciscus Aguilonius (1613) [2] ging von der gleichen Vorstellung aus und nannte die Linie Horopter, was so viel wie Sehgrenze bedeutet (horos = Grenze, Ziel, opt = Wortwurzel für Vorgänge des Sehens).
Nach Entwicklung des Konzepts fixierter Lokalzeichen und Richtungslinien haben Vieth (1818) [186] und Johannes Müller (1826) [125] erstmals eine geometrische Ableitung des Horopters durchgeführt und die Bezeichnung von Aguilonius übernommen. Sie sind damals von der (nicht exakt zutreffenden) Vorstellung ausgegangen, dass alle Netzhautpunkte, die am rechten und linken Auge in derselben Richtung und mit derselben Exzentrizität von der Foveola entfernt sind, dasselbe Lokalzeichen besitzen. Die zusammengehörigen Netzhautpunkte am rechten und linken Auge nannte Müller [125] identische Stellen, Hering [68], [69], [70] Deckstellen und schließlich Fechner [49] korrespondierende Stellen. Unter den genannten Voraussetzungen bestimmten Vieth und Müller einen Kreis von Objektpunkten im Gesichtsraum, der die Knotenpunkte beider Augen (ursprünglich Mittelpunkte) und den Fixierpunkt verbindet (Vieth-Müller-Horopterkreis, ▶Abb. 1.67a). Außerhalb des Kreises liegende Punkte projizieren sich nach diesem Konzept auf disparate Netzhautpunkte und werden doppelt gesehen.
Definiert wurde der Horopter als der geometrische Ort der korrespondent abgebildeten Außenpunkte. Diese Definition trifft auch auf eine vertikale Linie [150] durch den Fixierpunkt zu, solange die Längsmittelschnitte der Netzhäute eine lotrechte Orientierung einhalten. In diesem strengen Sinne besteht der geometrische Horopter – auch Punkthoropter [67] oder Totalhoropter [68], [69], [70] genannt – also nur in dem deduzierten Konstrukt aus dem binokular sichtbaren Anteil des Vieth-Müller- Kreises und dem Prevost-Lot (▶Abb. 1.67b). Alle Reize außerhalb dieser beiden Linien projizieren sich in horizontaler (Querdisparation) und/oder vertikaler (Höhenoder Längsdisparation) Abweichung von der exakt korrespondierenden Abbildung auf die Netzhäute beider Augen. Der so mathematisch-geometrisch konstruierte Horopter ist also keine Fläche, solange der Fixierpunkt in endlicher Nähe liegt. Nur bei Fixation eines im Unendlichen gelegenen Punktes (z. B. eines Sternes) wird er zu einer in der Ferne gelegenen frontoparallelen Fläche, da von dort aus die Strahlen aller Punkte parallel in das rechte und linke Auge fallen, so dass sich deren Netzhautbilder nicht mehr unterscheiden.
Die in der Literatur meist angegebene Horopterfläche des nach Hering benannten Längshoropters (Longitudinalhoropter ist der aus dem Englischen zurückübersetzte Terminus!) in Zylindermantelform entsteht geometrisch erst, wenn die Längsdisparation, in der sich alle Objekte abbilden, die seitlich vom Fixierpunkt und gleichzeitig über oder unterhalb des Horopterkreises liegen, vernachlässigt wird. Der Längshoropter wird so konstruiert, dass man sich durch den Knotenpunkt und jeden der einzelnen Längsschnitte der Netzhaut, der die Empfindung „vertikal“ vermittelt, eine Längsschnittebene für beide Augen gelegt denkt. Korrespondierende Längsschnitte treffen sich dann in einer vertikalen Linie, deren Gesamtheit den Ausschnitt eines Zylindermantels ergibt. Von jedem Punkt der Fläche des Längshoropters werden Netzhautorte am rechten und linken Auge ohne Querdisparität stimuliert (☐Abb. 1.67b). Die zwangsläufig entstehenden vertikalen Disparitäten oder Längsdisparitäten und die damit verbundenen sensorischen Einflüsse bleiben beim Längshoropter unberücksichtigt [185].
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Abb. 1.67 Vieth-Müller-Horopterkreis und geometrischer Längshoropter.



