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Merke

Die Reproduzierbarkeit des Visuswerts hängt vom Prüf-kriterium ab.

Die systemimmanente Streuung der Visuswerte bei korrekter Bestimmung hängt vom Prüfkriterium und der Zahl der Antwortalternativen ab. Das Kriterium 6/10 liefert besser reproduzierbare Werte als das Kriterium 3/5. Im ersten Fall weichen 10 % der Wiederholungsmessungen um mehr als 1 Stufe vom vorher gemessenen Wert ab, im zweiten Fall 19 % [61]. Derselbe Messwert ist im ersten

Fall bei 42 %, im zweiten Fall bei 34 % zu erwarten. Abweichungen von 1 Stufe sind demnach bei korrektem Vorgehen häufiger als identische Messwerte. Auch eine Visusdifferenz von 1 Stufe zwischen beiden Augen ist demnach bei einmaliger Messung nicht signifikant. Geringer ist die Streuung, wenn man die Messung – aus welchem Grund auch immer – auf einem bestimmten Niveau, z. B. 1,0, abbricht. Der Wert 1,0 entspricht dann aber nicht unbedingt der Sehschärfe, die höher sein kann.

Interpolated logMAR und Letter-Score

Ein Patient, der bis zur Stufe 1,25 fehlerfrei bleibt und Stufe 1,6 mit 2 von 5 korrekt benannten Zeichen nicht mehr besteht, verfügt vermutlich über einen besseren Visus als ein Patient, der schon Stufe 0,8 nur mit 4 von 5 Zeichen sowie die Stufen 1,0 und 1,25 mit 3 von 5 Zeichen besteht und bei Zeile 1,6 scheitert. Gemäß der Norm ergibt sich aber in beiden Fällen ein Visuswert von 1,25. In wissenschaftlichen Studien wird daher jeder Fehler in den bestandenen Zeilen in Rechnung gestellt. Bei dekadisch-logarithmisch abgestuften Sehtests mit 5 Zeichen pro Zeile wird jedes Zeichen mit 0,02 logMAR gewichtet. Die Addition von 0,02 (logMAR) für jeden Fehler zum log- MAR-Wert der letzten bestandenen Zeile ergibt den interpolated logMAR-Score. Er beträgt für den ersten Patienten –0,1, für den anderen Patienten wegen seiner 5 Fehler 0. Das entspricht einem Visus von 1,25 für den ersten und 1,0 für den anderen Patienten (▶Abb. 1.63).

Abb. 1.63 Ermittlung von Zwischenwerten. Durch Berücksichtigung falscher Antworten auf den bestandenen Visusstufen erhält man den „interpolated logMAR-Score“, der in einen Visuswert transformiert werden kann. + : richtige Antwort, o: falsche Antwort. Auf der Stufe 0,2 (logMAR = 0,7) sind noch alle 5 Antworten korrekt, auf Stufe 0,25 sind 4 von 5, auf Stufe 0,32 nur 3 von 5 Antworten richtig. Zum logMAR Wert der letzten bestandenen Zeile wird für jeden Fehler einschließlich dieser Zeile 0,02 addiert: logMAR = 0,5 + 0,06 = 0,56 → Visus = 10–0,56 ≈ 0,28. Das gilt für logarithmisch abgestufte Tests mit 5 Zeichen pro Zeile.

1,00logMAR = 0,0
0,80logMAR = 0,1
0,63logMAR = 0,2
0,50logMAR = 0,3
0,40logMAR = 0,4○+○+○
0,32logMAR = 0,5○++○+
0,25logMAR = 0,6++○++
0,20logMAR = 0,7+++++
0,16logMAR = 0,8+++++
0,12logMAR = 0,9+++++
0,10logMAR = 1,0+++++

Demselben Zweck dient der sog. Letter-Score. Er bezieht sich auf die Buchstaben der ETDRS-Tafel und ein bestimmtes Untersuchungsdesign [31]. Für Studienzwecke scheint sich ein Vorgehen zu etablieren, bei dem – vereinfacht beschrieben – zu einer Zahl von 30 Buchstaben (die fehlerfreie Erkennung der 6 größten Zeilen im Abstand von 1 m, mithin ein Visus > 0,1, wird damit vorausgesetzt) die Zahl der aus 4 m Entfernung korrekt benannten Buchstaben aller bestandenen (≥3 der 5 Antworten korrekt) Zeilen addiert wird. 5 Buchstaben entsprechen 1 Visusstufe bzw. 1 Zeile. Die Angabe von Buchstaben statt Zeilen hebt also geringe Unterschiede quasi in 5-facher Vergrößerung hervor. Wegen des recht hoch angesetzten Nullpunkts ist der Score für den wichtigen Visusbereich unter 0,1 wenig geeignet. Der Letter-Score wird in vielen pharmakologischen und retinologischen Studien verwendet. In der Amblyopiediagnostik ist er nicht verbreitet.

Berechnen von Mittelwerten

Der Mittelwert mehrerer Letter-Scores oder logMAR- Werte ergibt sich als arithmetisches Mittel der Einzelwerte (Summe aller Einzelwerte/Anzahl der Werte). Der Mittelwert aus 0,0 logMAR und 1,0 logMAR beträgt 0,5 log- MAR. Als Mittelwert mehrerer Visuswerte ist das geometrische Mittel korrekt. Das geometrische Mittel zweier Werte ist das X-fache des einen und der X-te Teil des anderen Wertes. Es liegt bei logarithmisch abgestuften Tests so viele Stufen unter dem einen wie über dem anderen Wert. Der Mittelwert aus Visus 0,1 und Visus 1,0 ist somit 0,32. Um den Mittelwert mehrerer Visuswerte zu bestimmen, bildet man das arithmetische Mittel der entsprechenden logMAR-Werte (▶Tab. 1.4) und kehrt von dort zum Visus zurück. Das Mittel aus Visus 0,02 (1,7 logMAR), 0,1 (1,0 logMAR) und 0,5 (0,3 logMAR) ist also 0,1 (1,0 logMAR) [9]. Soll auch die Standardabweichung angegeben werden, ist es sinnvoll, beim Letter-Score oder bei logMAR zu bleiben.

Literatur

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