Merke
Preferential-Looking-Tests erlauben keine genaue Amblyopiediagnostik.
Entdeckungstests
Mit Entdeckungstests wird die visuelle Wahrnehmung eines Objekts geprüft („Ist da etwas?`), ohne spezifische
Details des Objekts („Was ist da?“) zu erfragen. Als Reaktionen werden Augenbewegungen und Verhaltensantworten beobachtet [67] (weitere Literatur in [36]). Im Dot-Visual-Acuity-Test [42] und im sog. Punkte-Erkennungstest – der nicht Erkennung, sondern nur eine Wahrnehmung misst – wird geprüft, ob ein schwarzer Punkt in einer bestimmten Entfernung eine Blickbewegung auslöst. Es ist bei allen derartigen Tests sinnvoll, Folgendes zu dokumentieren:
verwendetes Objekt
dessen Größe
Prüfdistanz
beobachtete Reaktion
Unspezifische periphere Reize, z. B. der Arm des Untersuchers oder die Kante der Prüfkarte, können Augenbewegungen auslösen, die nicht mit einer Reaktion auf den Prüfreiz verwechselt werden dürfen. Der Test ist zur Amblyopieerkennung ungeeignet, die Punktwahrnehmung kann erheblich vom Visus abweichen. Da der Messwert in keinem festen Verhältnis zum Visus steht, ist die Angabe sog. Visusäquivalente nicht sinnvoll.
Merke
Entdeckungstests prüfen eine visuelle Wahrnehmung. Sie erlauben keine suffiziente Amblyopiediagnostik.
Interferenztests
Interferenztests sollen klären, welchen Anteil Trübungen der optischen Medien an einer Visusreduktion haben. Sie erfordern eine gewisse Transparenz der brechenden Medien und erzeugen mit einem Laserstrahl (Rodenstock- Retinometer) oder gefiltertem Licht (Heine-Handretinometer Lambda 100) ein Gittermuster auf der Netzhaut, dessen Ortsfrequenz und Richtung verändert werden können. Der Patient muss die Richtung der Streifen angeben. Das so bestimmte Auflösungsvermögen kommt bei einem ansonsten gesunden visuellen System dem zu erwartenden Visus nahe, kann aber bei Amblyopie und Makulopathien stark vom erreichbaren Visus abweichen [45].
Entoptische Phänomene
Wenn eine dichte Medientrübung keine Netzhautabbildung erlaubt, ist die potenzielle Sehfunktion nur grob schätzbar. Mit einem auf das Lid gehaltenen Diaphanoskop lässt sich die Netzhautaderfigur als Schattenbild der Netzhautgefäße visualisieren. Im Zentrum der Figur, das dem avaskulären Bereich der Fovea centralis entspricht, nimmt der Untersuchte bei genauer Beobachtung eine feine Tüpfelung wahr. Dieses Makulachagrin weist auf eine relativ gute zentrale Netzhautfunktion hin. Mit dem Blaufeld-Entoptoskop wird die Wahrnehmung rasch bewegter gelber Punkte ausgelöst. Sie werden von Leukozyten in den parafoveolaren Kapillaren hervorgerufen. Das Phänomen beweist die Funktion parazentraler Netzhautareale [68]. Der Vorhersagewert dieser Phänomene ist begrenzt. Aus der fehlenden Wahrnehmung kann man nicht auf eine Störung schließen, auch viele Augengesunde nehmen sie nicht wahr.
Elektrophysiologische Verfahren
Das Muster-VEP, das Muster-ERG und das multifokale ERG können zur objektiven Beurteilung der zu erwartenden Sehschärfe beitragen. Das Muster-VEP liefert Informationen über die Reizweiterleitung von der zentralen Netzhaut zum visuellen Kortex. Es setzt eine Funktion der zentralen Netzhaut voraus. Bei Reizung mit Streifen- oder Schachbrettmustern bewirkt ein sehr grobes Muster geringere VEP-Amplituden als ein feineres Muster, während noch feinere Muster, deren Ortsfrequenz dem Auflösungsvermögen nahekommt, schließlich zur steilen Abnahme der VEP-Amplitude führen. Dieses vereinfacht dargestellte Verhalten wird als Musterübertragungsfunktion bezeichnet. Der VEP-Schwellenwert entspricht dem feinsten Muster, welches noch eine Antwort auslöst [3], [34], [58], [59]. Unabhängig davon, wie er ermittelt wird, entspricht er nicht zwangsläufig der visuellen Auflösung des Musters. Das VEP erlaubt auch keine Aussage über die zerebrale Weiterverarbeitung [13]. In dieser Beziehung gehen psychophysische Methoden wie das PL weiter, die eine motorische Reizantwort fordern. Sie können das VEP aber nicht restlos ersetzen, denn Behinderte sind unter Umständen nicht in der Lage, adäquat zu reagieren. Die Kombination elektrophysiologischer und psychophysischer Verfahren kann also sinnvoll sein.
1.3.6 Strategien der Sehschärfebestimmung
Die Sehschärfebestimmung erfolgt unter photopischen Bedingungen bei Raumbeleuchtung. Der Patient soll normalerweise sitzen und nicht durch Lichtquellen oder vorangegangene Diagnostik geblendet sein. Die Testzeichen und die Aufgabe bei der Prüfung müssen ihm erläutert werden. Die Messung erfolgt unter optimaler Korrektion der Refraktion, in der Nähe mit einer adäquaten Addition. Der sog. Rohvisus ohne Korrektion wird als Sehleistung bezeichnet.
Merke
Die Sehschärfebestimmung erfolgt mit Korrektion der Refraktion monokular und binokular.
Antworten
Der Patient soll die Sehzeichen in der Regel verbal benennen. Die Richtung von E-Haken oder Landoltringen kann man auch mit der Hand zeigen lassen. Wenn dies zu schwierig ist, kann man das Kind ein Zeichen, das dem gezeigten Sehzeichen entspricht, aus einer vor ihm befindlichen Auswahl herausgreifen, darauf deuten oder auf eine entsprechende Taste drücken lassen. In der Nähe kann man das Kind auffordern, auf das Sehzeichen zu deuten, das man ihm nennt.

