Preferential-Looking (PL)
Bei Säuglingen und geistig Behinderten kann die Sehschärfe objektiv (unabhängig von der Willkür des Patienten) bestimmt werden. Als psychophysische Methode ist vor allem das Preferential-Looking (PL) gebräuchlich. Es nutzt die Tatsache, dass ein gemusterter Reiz den Blick stärker auf sich zieht als ein gleichzeitig angebotener ungemusterter Reiz derselben mittleren Leuchtdichte [23]. Die Präferenz lässt sich recht einfach mittels Acuity-Karten feststellen, die auf einer Hälfte ein Streifenmuster zeigen und auf der anderen Hälfte homogen grau sind [14], [21], [50], [51], [52], [73], [74], [75]. Der Untersucher bietet dem Kind die Karte dar und schließt aus Blickbewegungen, Fixationsdauer oder Kopfbewegungen des Kindes auf die Lage des Musters. Anschließend kontrolliert er die Entscheidung auf Richtigkeit.
Für klinische Anwendungen ist die Stufen-Strategie vorteilhaft. Beginnend mit einem sicher erkennbaren Muster werden nach einer definierten Regel immer feinere Muster angeboten, um schließlich das feinste Muster zu ermitteln, das bei der Mehrzahl der Darbietungen noch eindeutig lokalisiert wird. In der Suchphase wird z. B. bei korrekter Lokalisation des Musters in 2 von 2 sukzessiven Darbietungen zu einem 2 Stufen feineren Muster fortgeschritten. Wird ein Muster in einer der beiden Darbietungen nicht korrekt lokalisiert, erfolgt die nächste Darbietung mit einem 1 Stufe gröberen Muster. In der damit begonnenen Messphase wird bei korrekter Lokalisation in 2 von 2 Darbietungen nur noch um 1 Stufe vorangeschritten und bei falscher Lokalisation zum nächstgröberen Muster zurückgekehrt. Nach einer bestimmten Zahl von Umkehrpunkten oder Darbietungen wird das Verfahren beendet und aus den Sehschärfewerten der in der Messphase angebotenen Karten der Mittelwert bestimmt. Das
Vorgehen kann in verschiedener Weise variiert werden. Die Testbedingungen sollten bei wiederholten Prüfungen konstant sein (mittlere Leuchtdichte der Karten ca. 40– 80 cd/m2). Zur Abschirmung des Untersuchers kann eine Stellwand dienen (▶Abb. 1.58, ▶Tab. 1.5).
Merke
Eine objektive Sehschärfebestimmung ist anhand unwillkürlicher Reaktionen auf definierte visuelle Reize möglich.
Außer den Teller-Acuity-Karten, die in Oktav- und Halboktav-Abstufungen erhältlich sind, ist der dekadisch-logarithmisch abgestufte Cardiff-Test (▶Abb. 1.59) mit Bildern aus schwarz-weiß-schwarzen Linien gebräuchlich, die jenseits ihrer visuellen Auflösung im isoluminanten Grau des Hintergrunds verschwinden [1], [27]. Zur Dokumentation notiert man den benutzten Test, die höchste noch lokalisierte Musterortsfrequenz und die Prüfdistanz.
Merke
Das Preferential Looking (PL) erlaubt die Bestimmung einer Auflösungssehschärfe. Sie ist nicht mit dem Visus identisch.
Aus dem Design der Karten ist ersichtlich, dass man damit keine foveolare Sehfunktion, sondern ein parazentrales bis peripheres Auflösungsvermögen für relativ großflächige periodische Reize misst. Dieses kann bei Amblyopie erheblich besser sein als der Visus. Daher ist das PL zum Screening auf Amblyopie ungeeignet [27], [41], [53], [55], [56]. Im Säuglingsalter sind Unterschiede zwischen beiden Augen und bei wiederholten Messungen in einem Verhältnis von 1:2 bzw. 2:1 nicht ungewöhnlich. Andere Methoden der objektiven Sehschärfebestimmung verwenden Muster oder Punktreize, um Folgebewegungen oder einen optokinetischen Nystagmus auszulösen (Literatur hierzu in [28]). Sie sind weniger gebräuchlich und im Hinblick auf Amblyopie nicht weniger problematisch.
Tab. 1.5 Sehschärfeentwicklung vom 1.–36. Lebensmonat, ermittelt mit Preferential-Looking. In grober Näherung entspricht die Gitterauflösung (in Perioden/Grad) im 1. Lebensjahr dem Lebensalter in Monaten, wobei mitarbeits- und entwicklungsabhängig das Doppelte oder die Hälfte des altersentsprechenden Mittelwerts erreicht werden kann.
| Alter in Monaten | Zahl der Publikationen | PL-Gittersehschärfe | Zahl der Kinder | PL-Gittersehschärfe |
| 1 | 8 | 0,03 | – | – |
| 2 | 10 | 0,05 | n=16 | 0,07 |
| 4 | 9 | 0,12 | n=34 | 0,12 |
| 6 | 9 | 0,14 | n=49 | 0,16 |
| 9–10 | 9 | 0,21 | n=44 | 0,27 |
| 11–12 | 4 | 0,26 | n=47 | 0,24 |
| 13–14 | 1 | 0,27 | n=44 | 0,27 |
| 17–19 | 5 | 0,32 | n=40 | 0,34 |
| 20–26 | 3 | 0,41 | n=33 | 0,42 |
| 27–36 | 3 | 0,58 | n=18 | 0,64 |
Abb. 1.59 Cardiff-Acuity-Test. Karten zur Sehschärfebestimmung nach dem Prinzip des Preferential Looking.


