Zyklen pro Grad
Das mit periodischen Mustern bestimmte Auflösungsvermögen kann durch die Muster-Ortsfrequenz in Perioden pro Grad (cycles per degree, cpd) angegeben werden. Eine Periode bzw. ein Zyklus entspricht einem schwarzen und einem weißen Streifen. Eine Streifendicke von 1‘ entspricht einer Sehschärfe von 1,0 und einer Ortsfrequenz von 30 cpd. Beim Schachbrett entspricht die Diagonale durch ein Kästchen einer Periode der fundamentalen Ortsfrequenz der hellen und dunklen Diagonalen (▶Abb. 1.53a, b).
Abb. 1.53 Musterortsfrequenz.
a Bei einem Rechteckgitter entspricht 1 Periode 2 Streifen (1 heller und 1 dunkler Streifen), bei einem Sinusgitter dem Abstand zwischen 2 benachbarten Helligkeitsgipfeln.
b Beim Schachbrett entspricht 1 Periode der fundamentalen Ortsfrequenz der Diagonalen durch ein Kästchen. Ein Schachbrettmuster mit einer Kantenlänge der hellen bzw. dunklen Quadrate von 1‘ hat also eine fundamentale Ortsfrequenz von 42,4 cpd.
Merke
Dezimale Mustersehschärfe = Perioden pro Grad/30
1.3.4 Abstufung der Prüfreize
Arithmetische Folge
Bei einer arithmetischen Folge ist die Differenz von einer zur nächsten Stufe konstant. Die Abstufung im oberen Visusbereich ist daher unnötig fein,
… 1,6 – 1,5 – 1,4 – 1,3 – 1,2 – 1,1 – 1,0 – 0,9 – 0,8 – …
im unteren Visusbereich zu grob.
… 0,3 – 0,2 – 0,1 – 0 (?)
Die arithmetische Folge verleitet zur Unterschätzung der physiologischen Bedeutung von Unterschieden im unteren Visusbereich.
Harmonische Folge
Bei einer harmonischen Folge bilden die Kehrwerte eine arithmetische Folge. Es resultiert eine unsinnig hohe Auflösung im unteren Visusbereich, 1/25 – 1/24 – 1/23 – 1/22 – 1/21 – 1/20 – 1/19 – … bei geringer Trennschärfe im oberen Visusbereich:
... 1/3 – 1/2 – 1/1 – ?
Auch diese Abstufung ist unphysiologisch.
Geometrische Folge
Die Sehzeichen sollen deswegen so abgestuft sein, dass das Verhältnis (der Zuwachsfaktor) von einer zur nächsten Stufe konstant ist [19], [60]. Ein Anstieg um das X-fache entspricht dann auf jedem Niveau gleich vielen Stufen. Durch die Festlegung eines Zuwachsfaktors von 10√(10)=1,2589 wird eine Verzehnfachung des Wertes alle 10 Stufen erreicht. Annähernd ergibt dies eine Verdoppelung alle 3 Stufen, denn 10√(10) entspricht ca. 3√(2)=1,2599. Daraus ergibt sich die in Tab. 1.4 gezeigte Folge:
… 1,6 – 1,25 – 1,0 – 0,8 – 0,63 – 0,5 – 0,4 – 0,32 – 0,25 – 0,2 – 0,16 …
Diese Folge setzt sich nach oben und unten fort und ist in modernen Projektoren und Sehprobentafeln wenigstens im oberen Visusbereich realisiert. Zusätzliche Stufen – wie 0,7 – sind für bestimmte Tauglichkeitsprüfungen enthalten.
Merke
Die geometrische Folge entspricht der Empfindung von Unterschieden.
In der Literatur zum Preferential-Looking ist mit Oktav-bzw. Halboktavschritten die Verdoppelung bzw. Halbierung des Wertes mit jeder bzw. jeder zweiten Stufe gemeint.
1.3.5 Projektoren, Prüftafeln, Instrumente
Projektoren und Sehprobentafeln
Sehzeichen werden mit Projektoren oder auf Sehproben-tafeln dargeboten. Projektoren werden für die Visusbestimmung in der Ferne eingesetzt. Tafeln eignen sich zur Visusbestimmung in der Ferne, in der Nähe und bei geringer Sehschärfe, wofür moderne Projektoren nur eine ungenügende Auswahl an Sehzeichen enthalten. Zur Messung im unteren Visusbereich kann man den Patienten aber auch näher an die Projektionstafel heranführen.
Merke
Für den Sehschärfewert der projizierten Zeichen gilt dann:
Sehschärfewert = Nennwert × Prüfdistanz/Projektions-distanz
Eine für eine suffiziente Amblyopiediagnostik genügend enge Anordnung der Sehzeichen ist in Projektoren meist nicht gegeben. Von hinten beleuchtete transparente Tafeln erlauben die Sehzeichendarstellung unter sehr hohem Kontrast. Auflichttafeln sind jedoch handlicher. Zur Visusbestimmung im Kindesalter sind exzellente Sehprobentafeln erhältlich. Lea-Symbole [40], ETDRS-Buchstaben [24] und das Snellen-E [71] liefern bei gutem Visus nahezu identische, im unteren Visusbereich geringfügig höhere Werte als der Landoltring. Rezente Studien haben gezeigt, dass diese Differenz bei gleicher Anordnung der Sehzeichen für ETDRS-Buchstaben, Lea-Symbole und das Snellen-E zum Landoltring auch im Visusbereich unter 0,1 und bei Amblyopie kaum mehr als 1 Stufe beträgt [7], [8], [10], [30]. Sie ist beim Vergleich von Werten zu beachten, die mit unterschiedlichen Sehzeichen ermittelt wurden, und kann bei Verwendung irgendwelcher Druckbuchstaben als Sehzeichen größer sein [63]. ETDRS-Karten decken einen großen Messbereich in dekadisch logarithmischer Skalierung ab. Die Buchstaben sind so angeordnet, dass die Abstände der Sehzeichengröße entsprechen. Dadurch werden im oberen Visusbereich auch Trennschwierigkeiten erfasst (▶Abb. 1.54, ▶Abb. 1.55, ▶Abb. 1.56).



