Merke
Visuswerte auf Sehprobentafeln gelten für eine bestimmte Prüfdistanz. Wird diese um den Faktor X verändert, ist der Visuswert mit X zu multiplizieren.
Binokulare Interaktion
Durch Summationseffekte ist der binokulare Visus normalerweise um einen Faktor bis zu 1,1 höher als der monokulare Visus [4], [39], was weniger als der Hälfte der dekadisch-logarithmischen Stufe entspricht, bei der Untersuchung aber durch Zufall zu einer Stufe Unterschied führen kann. Bei Patienten mit Strabismus kann der Visus binokular besser oder – wenn das amblyope Auge stört – schlechter sein als am Führungsauge allein. Ein Nystagmus vom Latenstyp nimmt bei Okklusion eines Auges zu. Die monokulare Visusbestimmung bei Nystagmus sollte daher nicht nur bei Okklusion des anderen Auges erfolgen, sondern auch, indem man es durch Konvexlinsen vernebelt oder durch Polarisationsfilter einen anderen Seheindruck vermittelt als dem geprüften Auge. So kann man den Nystagmus beruhigen.
1.3.3 Angabe der Sehschärfe
Die Angabe der Sehschärfe erfolgt definitionsgemäß als Kehrwert des kleinsten Sehwinkels in Winkelminuten, unter dem der konkrete Reiz gerade noch erkannt wird. Je kleiner die erkannten Details, desto höher ist die Sehschärfe.
Angabe als Bruch oder Dezimalbruch
Für den Visus ist die Angabe als Dezimalbruch üblich (▶ Tab. 1.4). Wird eine 5'große Öffnung des Landoltrings ebenfalls noch erkannt, beträgt die Sehschärfe 1/5 = 0,2. Im unteren Visusbereich ist auch die Angabe als Bruch geläufig. Im Zähler steht die Prüfdistanz, im Nenner die Entfernung, in der das erkannte Sehzeichen dem Visus 1,0 entspricht. Würde dies konsequent umgesetzt, enthielte die Angabe auch eine Information über die Prüfdistanz, was aber nicht regelmäßig der Fall ist.
Für alle Arten der Sehschärfe gilt:
\mathrm{Sehschärfe}=\frac{1}{60\arctan\left(\mathrm{kritisches\ Detail/Prüfdistanz}\right)}Dabei sind die Größe des Details und die Distanz in derselben Einheit (m oder cm) einzusetzen. Beim Landoltring ist die Lücke das einzige kritische Detail. Andere Sehzeichen weisen mehrere Details auf, deren Größe schwer zu definieren ist. Deshalb ist der Landoltring als Normsehzeichen ideal.
logMAR statt Sehschärfe
Der dekadische Logarithmus des Minimum separabile steht in einer festen Beziehung zur Sehschärfe. Die Sehschärfe ist der Kehrwert des Minimum separabile (daher „Schärfe“: je geringer das Minimum separabile, umso schärfer die Sicht).
\mathrm{Sehschärfe}=1/\mathrm{MAR}=1/10^{\log\mathrm{MAR}}=10^{-\log\mathrm{MAR}}Tab. 1.4 Stufung der Sehschärfewerte (gerundet).
| Dezimale Schreib-weise | Snellen-Fraktion | 5-m-Wert | Minimum separabile MAR (‘’) | LogMAR | Zyklen/Grad (cpd) |
| 0,020 | 20/1000 | 5/250 | 50 | 1,7 | 0,6 |
| 0,025 | 20/800 | 5/200 | 40 | 1,6 | 0,75 |
| 0,032 | 20/630 | 5/160 | 32 | 1,5 | 1,0 |
| 0,04 | 20/500 | 5/125 | 25 | 1,4 | 1,2 |
| 0,05 | 20/400 | 5/100 | 20 | 1,3 | 1,5 |
| 0,063 | 20/320 | 5/80 | 16 | 1,2 | 1,9 |
| 0,08 | 20/250 | 5/63 | 12,5 | 1,1 | 2,4 |
| 0,10 | 20/200 | 5/50 | 10,0 | 1,0 | 3,0 |
| 0,125 | 20/160 | 5/40 | 8,0 | 0,9 | 3,8 |
| 0,16 | 20/125 | 5/32 | 6,3 | 0,8 | 5,0 |
| 0,2 | 20/100 | 5/25 | 5,0 | 0,7 | 6,0 |
| 0,25 | 20/80 | 5/20 | 4,0 | 0,6 | 7,5 |
| 0,32 | 20/63 | 5/16 | 3,2 | 0,5 | 10 |
| 0,4 | 20/50 | 5/12,5 | 2,5 | 0,4 | 12 |
| 0,5 | 20/40 | 5/10 | 2,0 | 0,3 | 15 |
| 0,63 | 20/32 | 5/8 | 1,6 | 0,2 | 19 |
| 0,8 | 20/25 | 5/63 | 1,25 | 0,1 | 24 |
| 1,0 | 20/20 | 5/5 | 1,0 | 0 | 30 |
| 1,25 | 20/16 | 5/4 | 0,8 | –0,1 | 38 |
| 1,60 | 20/12,5 | 5/3,2 | 0,63 | –0,2 | 50 |
| 2,0 | 20/10 | 5/2,5 | 0,5 | –0,3 | 60 |
| 2,5 | 20/8 | 5/2 | 0,4 | –0,4 | 75 |
MAR: Minimum Angle of Resolution cpd: cycles per degree
Die verbreitete Angabe 0,3 logMAR bedeutet log- MAR = 0,3. Das entspricht einem Visus von 0,5 (▶Tab. 1.4). Unsinnig und verwirrend ist der (Un-)Term logMAR-Visus (wie vielleicht Zentimeter-Dioptrie für die Akkommodationsfähigkeit). Eine Zunahme des Visuswerts, z. B. um den Faktor 2, 4, 5 oder 10, entspricht in der logMAR-Skala einer Abnahme um 0,3, 0,6, 0,7 bzw. 1,0, eine Abnahme des Visuswerts auf ½, ¼, ⅕ oder 1/10 entspricht einer Zunahme des logMAR um 0,3, 0,6, 0,7 bzw. 1,0 (▶Tab. 1.4).
