Косоглазие
Zusammenspiel der verschiedenen Augenbewegungen

Zur Diagnostik müssen die einzelnen Augenbewegungsarten isoliert geprüft werden. Im täglichen Leben überlagern sie sich in vielfältiger Weise.

Wenn man z. B. wandernd eine Landschaft betrachtet, ziehen Vorder- und Hintergrund in unterschiedlichen Winkelgeschwindigkeiten vorüber. Zudem können sich einzelne Sehobjekte selbst bewegen. Unsere Aufmerksamkeitszuwendung entscheidet, welchen Konturen wir die langsamen Phasen unseres optokinetischen Nystagmus anpassen, welches Sehobjekt wir als Ziel einer Sakkade oder Folgebewegung wählen und auf welche Entfernung wir unsere Vergenz einstellen. Außerdem kommt es während des Schreitens unvermeidlich zu kleinen Wippbewegungen des Kopfes, die durch den vestibulookulären Reflex ausgeglichen werden.

In natürlicher Umgebung wenden wir uns Objekten nicht nur mit den Augen zu, sondern auch mit dem Kopf. Da die Augen wegen ihrer wesentlich geringeren Masse schneller beschleunigt werden können als der Kopf, eilen sie bei der kombinierten Augen-Kopf-Sakkade voraus. Während der Augen-Kopf-Sakkade wird der vestibulookuläre Reflex unterdrückt; er würde das Erreichen des Blickziels stören. Nach der Sakkade werden die Augen jedoch durch den vestibulookulären Reflex wieder in den mittleren Teil des Blickfelds gebracht.

Entwicklung der Augenbewegungen im Säuglingsalter
Rasche Augenbewegungen

Mit der Ultraschallechografie lassen sich bereits 5 Monate vor der Geburt rasche Augenbewegungen nachweisen [45]. Beim Neugeborenen machen die Sakkaden zunächst den Eindruck zufälliger Suchbewegungen, aber schon nach wenigen Tagen werden sie gezielt. Zu den ersten Objekten, für die sich der Säugling interessiert, gehören die Augen in einem menschlichen Gesicht [26]. Diese Vorliebe sollte man als Untersucher ausnützen, indem man sein Gesicht als Fixierobjekt hin und her bewegt und dabei die Reaktionen des Säuglings beobachtet.

In der Peripherie auftauchende Objekte blickt der Säugling meist nicht in einem Zug an, sondern mit einer Serie kleiner Sakkaden.

Optokinetischer Nystagmus

Optokinetische Reaktionen lassen sich bei manchen Säuglingen schon wenige Tage nach der Geburt auslösen, bei anderen reift die Optokinetik erst im Laufe der ersten Lebenswochen. Bei monokularer Reizung findet man in den ersten 3 Lebensmonaten eine Asymmetrie: Reizmusterbewegungen von nasal nach temporal lösen einen sehr viel geringeren optokinetischen Nystagmus aus als solche von temporal nach nasal [5], [25], [59].

Augenfolgebewegung

Gleitende Folgebewegungen lassen sich bei manchen Säuglingen schon in den ersten Tagen nach der Geburt auslösen, jedoch nur dann, wenn das führende Objekt sehr langsam bewegt wird [35], [48], [49]. Bei höherer Geschwindigkeit resultiert eine Serie kleiner Sakkaden [49].

Vestibulookulärer Reflex

Die vestibuläre Kompensationsbewegung funktioniert bereits unmittelbar nach der Geburt. Zur Prüfung sitzt der Untersucher auf einem Drehstuhl. Er hält den Säugling so, dass dieser über eine Schulter des Untersuchers auf die Zimmerwand schaut. Dreht sich der Untersucher nun gemeinsam mit dem Säugling hin und her, so resultiert eine kombinierte optokinetische und vestibuläre Reizung. Bei raschem Hin- und Herdrehen wirkt überwiegend der vestibuläre Reiz. Der Untersucher beobachtet die dadurch ausgelösten langsamen und raschen Augenbewegungen und achtet besonders darauf, ob beide Augen konkomitant bewegt werden und ob die schnellen Nystagmusphasen eine normale Geschwindigkeit erreichen. Mit diesem Test lässt sich feststellen, ob eine Augenmuskellähmung vorliegt, z. B. eine Abduzenslähmung.

Vergenz

Sensorische und motorische Binokularfunktionen bedingen sich gegenseitig. Einerseits verlangt die Regelung der Vergenz eine Analyse der Disparität (im Interesse des Tiefensehens), andererseits erfordert das Erkennen von Disparität eine genaue Einstellung der Vergenz. Im Laufe der ersten 3–4 Lebensmonate entwickeln sich die sensorischen und motorischen Binokularfunktionen Hand in Hand zu immer größerer Präzision.

Ob die Vergenz genau der Sehentfernung entspricht, lässt sich nur mithilfe des einseitigen Abdecktests feststellen. Um diesen Test anwenden zu können, muss der Säugling bereits in der Lage sein, Blickzielbewegungen auszuführen. Ist dies noch nicht der Fall, kann man die Stellung der Augen zueinander nur an den Hornhautreflexbildern abschätzen. Dabei findet man bei etwa 10 % der gesunden Neugeborenen eine konvergente, divergente oder vertikale Schielstellung [31].

Augenbewegungen im Schlaf

In den durch lebhafte Träume gekennzeichneten REM- Phasen des Schlafs kommt es zu raschen Augenbewegungen (REM = Rapid Eye Movements). Irrtümlich glaubte man früher, die REMs seien auf die im Traum erlebten Objekte gerichtet. Dazu passt aber nicht, dass die REMs an beiden Augen unterschiedlich ablaufen, so dass kurzfristig horizontale und vertikale Schielstellungen bis zu 30° zustande kommen können [64].

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