Auswahl der Blickziele
Wenn wir unsere Umwelt betrachten, springt unser Blick so umher, dass die uns wichtigen Einzelheiten in rascher Folge auf der Netzhautmitte abgebildet werden. Dabei wechselt die Blickposition etwa 5-mal in der Sekunde. Die einzelnen Blickbewegungen können zwar willkürlich gesteuert werden, oft wird aber eine ganze Folge von Sakkaden nur von der allgemeinen Aufmerksamkeitszuwendung beeinflusst. Beim Lesen z. B. ruckt der Blick in mehreren Sprüngen über die Zeile, ohne dass bestimmte Buchstaben angezielt werden. Wenn wir ein menschliches Gesicht betrachten, wendet sich der Blick unwillkürlich den Konturen zu, die uns über den mimischen Ausdruck informieren, insbesondere den Augen und dem Mund. Wir planen also nicht bewusst jede einzelne Blickbewegung, sondern unsere Interessenlage bestimmt das Blickverhalten.
Anatomische Strukturen
Soll ein bestimmtes Sehobjekt angeblickt werden, meldet die Netzhaut den Abstand des Bildes von der Fovea zunächst in die primäre Sehrinde. Von dort gelangt die Meldung in verschiedene andere Gebiete der Hirnrinde (▶Abb. 1.39) und des Hirnstamms. Durch Zusammenspiel dieser Gebiete wird ein motorischer Befehl errechnet, der das Auge zum Ziel lenkt. Die primäre Sehrinde meldet den oberen Vierhügeln, wo sich Blickziele befinden. Für die Entscheidung, ob diese Ziele von Bedeutung sind und ob sich ein Blick dorthin lohnt, sind andere Areale der Hirnrinde zuständig.
In den oberen Vierhügeln (= Colliculi superiores) liegt eine wichtige Schaltstation, in der das visuelle Signal, z. B. ein in der Peripherie auftauchendes Objekt, in einen motorischen Befehl umgesetzt wird [34]. Die oberen Vierhügel übertragen den Befehl dann auf die retikuläre Formation (PPRF und riMLF).
Im Parietallappen gibt es Gebiete, welche die Aufmerksamkeitszuwendung leiten. So hat man z. B. im hinteren Parietallappen (Area 7 des Affen) Zellen gefunden, die verstärkt entladen, wenn eine bestimmte Stelle der Umwelt besonders beachtet wird. Diese Zellen werden nicht nur dann aktiv, wenn die Stelle Ziel der folgenden Sakkade ist, sondern auch, wenn sie mit der Hand erreicht werden soll.
Im Frontallappen existieren 3 für die Augenbewegungen wichtige Gebiete, nämlich das frontale Augenfeld, das supplementäre Augenfeld und der dorsolaterale präfrontale Kortex (▶Abb. 1.39). Vom Frontallappen werden Sakkaden gesteuert, die nicht reflexmäßig ablaufen, sondern eine gedankliche Vorbereitung erfordern. So versagen z. B. Patienten mit einer Läsion des frontalen Augenfelds bei der Aufgabe, auf eine Stelle zu blicken, an der sich ein Gegenstand einige Zeit zuvor befunden hat. Diese Patienten versagen auch bei dem sog. Antisakkadentest, der darin besteht, bei einem auf einer Seite auftauchenden Sehreiz zur Gegenseite zu blicken. Sie können der Versuchung nicht widerstehen, den auftauchenden Sehreiz anzublicken [24].
Man darf sich nicht vorstellen, nur ein einziges Hirnrindenareal könne entscheiden, ob eine bestimmte Sakkade auszuführen sei oder nicht. Vielmehr werden die Sakkaden aufgrund einer Koordination vieler Hirnteile gesteuert. Auf diese Weise können auch Kompromisse zwischen widerstreitenden Motivationen „erarbeitet“ werden, z. B. zwischen geistigem Interesse und emotionalen Wünschen. Der resultierende Befehl wird teils direkt, teils über Umwege (z. B. über Nucleus caudatus, Pars reticulata der Substantia nigra und obere Vierhügel) an die PPRF und den riMLF geschickt. Die dafür zuständigen, von den Großhirnhemisphären absteigenden Bahnen kreuzen im Mittelhirn. Das Kleinhirn ist für die Auslösung der Sakkaden nicht erforderlich. Es erfüllt aber die Aufgabe, die Treffsicherheit der Blickzielbewegungen zu eichen.
Da die Sakkaden über mehrere Bahnen veranlasst werden können, führt der Ausfall eines einzigen Hirngebiets nur zu geringen Defekten. Komplizierte Versuchsanordnungen sind erforderlich, um diese Defekte zu identifizieren. Erst die Kombination mehrerer Läsionen bewirkt eine schwere Störung. So entsteht z. B. bei separatem Ausfall des frontalen Augenfelds oder der oberen Vierhügel keine Blicklähmung, wohl aber bei Ausfall beider Hirngebiete [51].
Augenfolgebewegung und optokinetischer Nystagmus
Mithilfe der Augenfolgebewegung gelingt es, kleine bewegte Sehobjekte kontinuierlich auf der Fovea centralis abzubilden. Die langsamen Phasen des optokinetischen Nystagmus (OKN) dienen dazu, ein Verwischen des Netz-hautbilds zu vermeiden, wenn sich großflächige Objekte im Sehfeld eines ruhenden Betrachters bewegen oder – was häufiger vorkommt – wenn sich der Betrachter selbst in einer stabilen Umwelt bewegt. So benötigen wir z. B. den vertikalen optokinetischen Nystagmus beim Laufen über schwieriges Gelände, um z. B. nicht über Wurzeln zu stolpern. Den horizontalen optokinetischen Nystagmus brauchen wir, um beim Vorbeigehen an Schaufenstern die Auslagen zu mustern.
Prüfung der Augenfolgebewegung
Der Untersucher bewegt ein an der Spitze eines Zeigestocks angebrachtes Fixierobjekt vor einer konturlosen Wand gleichmäßig hin und her und beobachtet dabei die Augen des Patienten (➢Abb. 1.40). Details lassen sich erkennen, wenn man mit dem Ophthalmoskop ein eingeblendetes Fixationssternchen hin und her bewegt. Man sollte nicht nur die horizontalen, sondern auch die vertikalen Folgebewegungen prüfen, und zwar über einen Exkursionsbereich von etwa ±20°.
Bis zu einer Reizgeschwindigkeit von etwa 30°/s sind glatte Folgebewegungen zu erwarten. Bewegt man das Fixierobjekt schneller, wird das Folgesystem überfordert. Um das Bild des Fixierobjekts trotzdem nahe der Fovea zu halten, werden Sakkaden eingestreut. Man spricht dann von einer sakkadierten Folgebewegung. Zwischen den Sakkaden kann die Folgebewegung in der horizontalen Ebene Geschwindigkeiten bis zu 150°/s erreichen. Vertikale Folgebewegungen werden nicht so schnell.
Die Folgebewegung ist in erheblichem Maß von der Aufmerksamkeitszuwendung abhängig.
Merke
Ein krankhafter Befund liegt nur vor, wenn die Augenfolgebewegung schon bei geringer Geschwindigkeit des führenden Objekts sakkadiert ist oder wenn ein deutlicher Unterschied zwischen dem Folgen nach rechts und links besteht.
Wird das Fixierobjekt nicht vor einem homogenen Hintergrund, sondern vor Konturen bewegt, so verlangsamt sich die Augenfolgebewegung um etwa 20 %.
Prüfung des optokinetischen Nystagmus
Zur klinischen Diagnostik sind keine komplizierten Apparate nötig. Vielmehr genügt es, ein gemustertes Band in etwa 50 cm Entfernung vor den Augen des Patienten vor-beizuziehen, sowohl zwischen rechts und links als auch zwischen oben und unten (▶Abb. 1.41). Dabei sind zwei Reizgeschwindigkeiten zu empfehlen, zunächst etwa 10°/s, dann 40°/s. Der Patient erhält die Anweisung, das bewegte Muster aufmerksam zu betrachten. Mit diesem Reiz wird nicht nur die Optokinetik angesprochen, son-dern auch das Folgesystem.
Wie der vestibuläre wird auch der optokinetische Nystagmus nach der Richtung der schnellen Phasen benannt. So entsteht bei Konturenbewegung zur linken Seite des Patienten ein optokinetischer Rechtsnystagmus. Um Verwechslungen bei der Befundbeschreibung zu vermeiden, empfiehlt es sich, nicht die Schlagrichtung der raschen Phasen, sondern die Reizrichtung zu notieren, also nicht „Störung des optokinetischen Rechtsnystagmus“, sondern „Störung des optokinetischen Nystagmus bei Reizbewegung nach links“.
Abb. 1.40 Prüfung der Augenfolgebewegung. Ein Stab wird vor konturlosem Hintergrund hin und her bewegt.
Abb. 1.41 Prüfung des optokinetischen Nystagmus. Der Proband soll die vorbeiziehenden Figuren auf dem Band aufmerksam betrachten.


