Merke
Hauptfunktionen der geraden Vertikalmotoren sind Hebung und Senkung. Sie sind die wichtigsten Heber bzw. Senker im gesamten Blickbereich. Bei der Paralyse eines geraden Vertikalmotors kann das Auge die Horizontale nicht überschreiten.
Die Muskelebenen der schrägen Vertikalmotoren stimmen nur annähernd überein. Hauptfunktion des M. obliquus superior ist die Inzykloduktion, die des M. obliquus inferior die Exzykloduktion. Die rollende Wirkung der Mm. obliqui ist antagonistisch und in Abduktion deutlicher als in Adduktion. Wichtigste Nebenfunktion der schrägen Augenmuskeln ist die antagonistische Vertikalfunktion, die mit fortschreitender Adduktion zunimmt, aber in keiner Blickrichtung die Bedeutung der geraden Vertikalmotoren erreicht. Beide schrägen Vertikalmotoren üben eine geringe synergistische abduktorische Nebenwirkung aus.
Merke
Hauptfunktionen der schrägen Vertikalmotoren sind In- und Exzykloduktion. Bei der Paralyse eines schrägen Vertikalmotors besteht deshalb eine erhebliche Zyklotropie, nicht aber eine deutliche Einschränkung der Vertikalfunktion.
Haupt- und Nebenfunktionen eines Augenmuskels werden am deutlichsten bei einer Parese. Der resultierende Schielwinkel ist die Negativkopie der Muskelfunktion. Bei einer Abduzensparese entsteht im gesamten Blickbereich eine Horizontaldeviation, deren Ausmaß in Abduktion zunimmt. Die Parese des M. rectus superior bewirkt einen mit der Elevation ansteigenden Vertikalschielwinkel. Bei einer Trochlearisparese imponiert vor allem die Exzyklotropie, während die Vertikaldeviation nie die Werte der Parese eines geraden Vertikalmotors erreicht und die Verkleinerung des monokularen Blickfelds gering sein kann.
Merke
Alle 6 Augenmuskeln arbeiten bezüglich ihrer verschiedenen Teilfunktionen sinnvoll zusammen. Wenn der M. rectus superior und der M. obliquus inferior innerviert werden, so addieren sich die hebenden Funktionen, während die zykloduzierenden Teilfunktionen sich teilweise ausgleichen. Durch eine bestimmte Verteilung der Innervation auf beide Elevatoren kann also eine rollungsfreie Hebung und Senkung oder eine Zykloduktion ohne Vertikalduktion erreicht werden.
Leistungen des Bewegungsapparats
Das Ausmaß der Augenbewegungen, also die Exkursionsfähigkeit des Auges kann als Limbusbewegung in mm angegeben werden (▶Abb. 1.30) oder als Winkel, um den die Blicklinie gedreht wird (▶Abb. 1.31a, b). In der Regel kann das Auge etwa 50° adduziert und abduziert werden, während eine Depression um fast 60° möglich ist und die Elevationsfähigkeit selten 45° überschreitet. Diese Exkursionsfähigkeit nimmt im Alter ab [45].
Die monokulare Exkursionsfähigkeit in allen Blickrichtungen ergibt das monokulare Blickfeld. Es ist eine unmittelbare Funktion der Kraft einzelner Augenmuskeln und des Widerstands, den die Augenmuskeln und das passive orbitale Gewebe einer Bewegung entgegensetzen. Ist die Zugkraft eines Augenmuskels oder die Dehnbarkeit seines Antagonisten vermindert, ist das monokulare Blickfeld eingeschränkt. Unter dem binokularen Blickfeld wird der Blickbereich verstanden, in dem beide Augen gemeinsam foveolar fixieren können. Es ist kleiner als das monokulare Blickfeld, weil die beiden monokularen
Abb. 1.30 Normale Exkursionsfähigkeit des Auges nach Kestenbaum, angegeben als Limbusbewegungen in mm (P = Primärstellung).
a
Abb. 1.31 Normales monokulares Blickfeld.
a Linkes Auge.
b Rechtes Auge.
Blickfelder sich nicht decken. In extremen Blickrichtungen und bei Paresen kann durch Zyklotropie verrollte Diplopie auftreten, auch wenn die Blicklinien sich im Fixierobjekt treffen. Deshalb wird zwischen dem binokularen
Blickfeld und dem Fusionsblickfeld (Feld des binokularen Einfachsehens, BES-Feld) unterschieden. Letzteres gibt den Blickbereich an, in dem normales Binokularsehen durch Horizontal-, Vertikal- und Zyklofusion aufrechterhalten wird. Dieses Fusionsblickfeld wird in der Regel nicht ausgenutzt. Im täglichen Leben werden Exkursionen meist nur innerhalb eines Gebrauchsblickfelds durchgeführt, das Blickwendungen nach rechts und links von ca. 20°, eine Blickhebung von ca. 10° und eine Blicksenkung von ca. 30° enthält. Gleichzeitige Kopfbewegungen setzen nicht erst dann ein, wenn die Grenzen des Blickfelds erreicht sind, sondern sind auch bei kleinen Augenbewegungen nachweisbar, so dass jede Blickbewegung von einer Kopfbewegung begleitet wird. Das Umblickfeld gibt an, welche Richtungen die Blicklinie einnehmen kann, wenn bei unveränderter Standposition Körper- und Kopfbewegungen mit Blickbewegungen kombiniert werden.
Die Winkelgeschwindigkeit sakkadischer Augenbewegungen ist abhängig von der Amplitude der Sakkade und beträgt bei großen individuellen Schwankungen etwa 600°/s. Folgebewegungen zeigen Winkelgeschwindigkeiten von etwa 100°/s. Vergenzbewegungen überschreiten selten Werte von etwa 20°/s. Daraus ergibt sich, dass sak-kadische Blickbewegungen nach etwa 50 Millisekunden abgeschlossen sind, während Fusionsbewegungen 1/2 bis 1 Sekunde dauern können.
Die Augenbewegungen erfordern normalerweise eine Muskelkraft zwischen 0,1 und 0,5 N, wobei bereits in Primärstellung die Muskeln unter einer geringen Spannung stehen. Die Muskelkraft ist einerseits notwendig zur Beschleunigung des Bulbus und der mitbewegten Gewebe und andererseits zur Überwindung des elastischen Widerstands der passiven orbitalen Gewebe. Experimentelle Muskelkraftmessungen unter isometrischen Bedingungen (bei artifizieller Immobilisierung des Bulbus oder bei Retraktionssyndrom) zeigen, dass die Kraft eines Augenmuskels auf über 100 p ansteigen kann, ohne dass subjektive Anzeichen von Muskelermüdung, Schmerz oder Asthenopie auftreten (alle Daten aus [14], [67]).




