Abb. 1.8 Bewegungs- und Aufhängungsapparat des rechten Auges von medial.
Abb. 1.9 Orbita. Sagittalschnitt durch die rechte Orbita von medial. (Quelle: Schünke M, Schulte E, Schumacher U. Prometheus. LernAtlas der Anatomie. Kopf, Hals und Neuroanatomie. Illustrationen von M. Voll und K. Wesker. 5. Aufl. Stuttgart: Thieme; 2018)
Bindegewebsplatte ist jeweils mit dem inneren und äußeren Lidband (Lig. palpebrale mediale/laterale) am inneren und äußeren Orbitarand angeheftet.
An der Unterseite des M. levator palpebrae entspringt der M. tarsalis (Müller-Lidmuskel) und zieht nach vorne zum Oberrand des Oberlid-Tarsus (▶Abb. 1.9). Bei Kontraktion verkürzt er die Levatorsehne. M. levator palpebrae und M. tarsalis sind also „hintereinander geschaltet“. Der symphatisch innervierte M. tarsalis beeinflusst bei seiner dem vegetativen Nervensystem gehorchenden Kontraktion die unwillkürliche Lidspaltenweite, während der M. levator palpebrae, vom N. oculomotorius innerviert, die willkürliche Lidspaltenweite und die bei Blickbewegungen nötigen Lidbewegungen bewirkt. Im Unterlid ist nur ein sympathisch innervierter M. tarsalis vorhanden. Die größtenteils glatte Muskulatur des M. tarsalis kann das Oberlid um 2–3 mm höher, das Unterlid um 0,5–1 mm tiefer ziehen, während der kräftigere M. levator palpebrae das Oberlid um etwa 20 mm heben kann. Antagonist dieser lidöffnenden Muskulatur ist der M. orbicularis oculi, der vom N. facialis (N VI) innerviert wird. Durch seine Aufhängung am medialen und lateralen Lig. palpebrale zieht er sich nicht wie ein Ringmuskel konzentrisch zusammen, sondern bewirkt ohne Verkürzung der Lidspalte nur den Lidschluss.
1.1.3 Anatomie des Bandapparats
Der Augapfel ist in einem System von Bändern aufgehängt, das mit der Muskulatur eine funktionelle Einheit bildet. Dieser Bandapparat ist ein kompliziert verflochtenes Netzwerk elastischer und straffer Bindegewebsstrukturen, die sich an einigen Stellen abgrenzen und verdichten und dann Ligamentum (Band), Retinaculum (Halteband), Fascia (in der Regel die bindegewebige Faszienhülle eines oder mehrerer Muskeln) oder Membrana (Membran) genannt werden. Die Nomenklatur des okulären Bandapparats erscheint verwirrend, weil neben deskriptiv-anatomischen Termini (z. B. Retinaculum bulbi laterale) auch funktionell definierte verwendet werden (z. B. Ligament von Lockwood, an dessen Bildung mehrere Bänder beteiligt sind).
Tenon-Kapsel und Tenon-Pforten (Pulleys)
Die Sklera ist vom orbitalen Fettgewebe durch die Tenon- Kapsel abgetrennt (▶Abb. 1.8). Etwa 2 mm hinter dem Limbus beginnend, umhüllt diese Faszie den gesamten Bulbus bis zum N. opticus. Während diese Faszie im Limbusbereich und am Austritt des N. opticus fest mit der Sklera verwachsen ist, kann sie zwischen Limbus und Insertion der geraden Augenmuskeln leicht von der Sklera getrennt werden. Im Bereich der Muskelinsertionen werden die Fasern zwischen Faszie und Sklera noch spärlicher und lassen einen spaltförmigen Raum bis zum N. opticus entstehen. Während die (bulbusseitige) Innenfläche der Tenon-Kapsel glattwandig ist, strahlen von der (orbitaseitigen) Außenfläche Fasern in den retrobulbären Fettkörper des extrakapsulären Raumes ein. Alle den Bulbus erreichenden Nerven, Gefäße und Muskeln treten durch die Tenon-Kapsel hindurch. Während die Vortexvenen und insbesondere die Ziliargefäße durch die Tenon-Kapsel weitgehend fixiert werden, sind am Durchtritt der Augenmuskeln Tenon-Pforten ausgebildet, die den Muskeln in Zugrichtung eine ausreichende Beweglichkeit gestatten, sie gegen Querverschiebungen jedoch stabilisieren.
Diese Tenon-Pforten werden auch als Pulleys bezeichnet [22], [61]. Der Begriff „Pulley“ entspricht in der Mechanik der Rolle (Umlenkschlaufe, Umlenkrolle) und deutet an, dass diese Tenon-Pforten die Verlaufsrichtung des Muskels stabilisieren. In der Tat haben Untersuchungen am Menschen [82] und an Affen [60] gezeigt, dass sich die Lage der geraden Augenmuskeln in der Orbita durch Blickbewegungen kaum ändert und lediglich der vordere Anteil der Sehne die Blickexkursionen des Bulbus begleitet [15], [16]. Auch nach einer Transpositionsoperation kommt es lediglich zur Verlagerung der vorderen Muskelanteile, während die Muskelbäuche weitgehend in ihrer Lage verbleiben [64], [76].
Abb. 1.10 Horizontaler MRT-Schnitt durch die Orbitae einer gesunden Normalperson. Man erkennt den gebogenen Verlauf der geraden Augenmuskeln bei Rechtsblick (a) und Linksblick (b).
Diese Beobachtungen sowie die Entwicklung biomechanischer Modelle zur Simulation von Augenposition und Berechnung der Dosierung von Schieloperation [59], [62], [63], [72], [74], [86], [88] zeigen, dass die Funktion eines Muskels nicht nur durch seinen Ursprung, seine Insertion und seine Kontraktilität bzw. seinen Muskelquerschnitt charakterisiert ist. Vielmehr zieht jeder Augenmuskel durch die schlaufenähnliche Struktur der Tenon-Pforte, die sich etwa auf Höhe des Bulbusäquators befindet und mit der Orbitawand verbunden ist [61], [63]. Diese Schlaufen bestehen aus dichtem zirkulären Kollagen und enthalten reichlich Elastin sowie glatte Muskulatur [22]. Die glatte Muskulatur dieser Pulleys weist sowohl eine noradrenerge, sympathische als auch eine cholinerge, parasympathische Innervation auf, die ihren Ursprung im Ganglion cervicale superius bzw. im Ganglion pterygopalatinum hat [23], [25], [26].
Die Pulleys stabilisieren den Muskelverlauf bei Augenbewegungen und nach Augenmuskeloperationen mit der Folge, dass der Muskelverlauf von dem kürzesten Weg zwischen Ursprung und Insertion abweicht (▶Abb. 1.10a, b, ▶Abb. 1.11a–c). Neuere Studien haben ergeben, dass lediglich die bulbäre Schicht eines Augenmuskels direkt an der Sklera inseriert, während die orbitale Schicht nur bis zur Tenon-Pforte reicht [24], [25], [26]. Dies ist eine der anatomischen Voraussetzungen für die Hypothese der sog. aktiven Pulleys.



